Montag, 17. Juni 2024
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GaleriaKarstadt in der Altstadt: Schließung ist systemisches Versagen der Wirtschaftspolitik

Kaufhaus Karstadt Spandau

Von Michael Springer

„Ein trauriger Tag für die Beschäftigten von Galeria/Karstadt und für Spandau und seine Altstadt – Bezirk setzt sich weiter für Erhalt ein!“ — so ist die Pressemitteilung vom 29.04.2024 überschrieben. Der Spandauer Bezirksbürgermeister ist in einer schwierigen Lage. Denn der Fall der Kaufhäuser von Galeria/Karstadt/Kaufhof ist insgesamt auch eine lange aufgebaute systemische Folge von Bau-, Wirtschafts- und Handelspolitik!

Bezirksbürgermeister Frank Bewig (CDU) zeigte sich verärgert: „Die angekündigte Schließung der Galeria/Karstadt-Filiale in der Spandauer Altstadt ist ein herber Schlag für die Beschäftigten, ist aber auch eine sehr traurige Nachricht für Spandau und für unsere Altstadt im Besonderen. Denn Karstadt, ehemals Hertie, ist ein wesentlicher Anker in der Altstadt.“

Das Scheitern des Standorts Altstadt Spandau ist von vielen Faktoren verursacht:

  • des kapitalmarktgetriebene Geschäftsmodell, Immobilie und Kaufhaus aufzutrennen, das unter der Ägide der ehemaligen Arcandor AG zustande kam, machte die Kaufhäuser vom kommunalen Anker zum Treibgut der Immobilien- und Konsumgütermärkte.
  • die Ausweitung der Handelsflächen, die Standortkonkurrenz und das Wachstum der Supermärkte und die Professionalisierung der Einkaufs- und Warenwirtschaftssysteme sorgten für Gewinner und Verlierer im stationären Handel.
  • Die Omnichannel-Digitalisierung überforderte die beiden Kaufhauskonzerne Karstadt und Kaufhof auch nach dem Zusammenschluß. Gewinner sind heute Kaufland, Lidl mit ihren Online-Angeboten von bis zu 2 Mio. gelisteten Artikeln.
  • Die Online-Konkurrenz von Amazon ist sehr stark, dazu kommen über 1.100 große Online-Shops, die heute aus Logistikzentren vor der Stadt binnen Stunden und Tagen liefern können.
  • Nicht zu unterschätzen: die 150-Euro Zollfrei-Grenze der EU erlaubt chinesischen Online-Anbietern einen kaum schlagbaren Preisvorteil.
  • Lokale Eliten, Kommune und Wirtschaftsförderung sind zudem tief gespalten und gleichzeitig „verträumt“: es wird noch vom Bummeln und Flanieren schwadroniert, obwohl es kaum noch Flaneure, sondern vor allem Lieferdienste und Rollatoren gibt.
  • Inzwischen haben Lieferdienste und die Abholfach-Logistik von Amazon und DHL in der Fläche eigene Handelskonzepte aufgebaut, die mit keinem kommunalen Einzelhandelskonzept mehr abzugleichen sind.
  • Statt Transaktions- und Marketingkosten zu senken, und alltägliche News und Angebote für Kunden zu mehren, werden kommunal runde Tische, Antragsökonomien und Ehrenamtstätigkeiten vermehrt.
  • In der laufenden Digitalisierung werden zudem kleine Händler und Gewerbe aus dem Markt gedrängt. Digitale Umsatzprovisionen von 30% bei Lieferdiensten sind inzwischen Geschichte. Digitales Marketing bleibt aber im Plattform- und Kanalchaos der sozialen Netzwerke stecken.
  • Daneben gibt es auch hausgemachte Fehler im Marketing bei Galeria/Karstadt, wenn man Daten zu sehr auf Smartphone-Nutzer ausrichtet.
  • Die Insolvenz der Signa-Gruppe ist schließlich der vorhersehbare krisenhafte Abschluß einer Niedrigzins-Ära der EU, die die Bodenspekulation über alle Vernunft hinaus begünstigt hatte.

Spandaus Bezirksbürgermeister ist nun nur noch Statist in einem viel größeren bundesweiten Insolvenzplan, der über eine Fortführung der Kaufhäuser längst entschieden hat. — Entscheidend war ein Mietkorridor von 7-11% für alle Kaufhausstandorte, der einen heute noch tragfähigen Kaufhausbetrieb ermöglicht.
Dank der wirtschaftlichen Unterstützung durch das neue Investorenkonsortium für die GALERIA Karstadt Kaufhof GmbH, wurde mit dem Gesamtbetriebsrat am 26. April ein Interessenausgleich und ein Sozialplan geschlossen.
Darin wurde auch die Schließung der Filiale in Spandau beschlossen. Auch wurde dort ist u.a. festgelegt, alle von Schließungen Betroffenen für acht Monate in eine Transfergesellschaft wechseln zu lassen, damit sie sich neu auf dem Arbeitsmarkt orientieren können.

Nächster Schritt im bundesweiten Insolvenzverfahren ist die vom Amtsgericht Essen für den 28. Mai angesetzte Gläubigerversammlung in der Messe Essen.

Für das Karstadt Kaufhaus in der Altstadt Spandau muss nun eine ganz neue Lösung mit ganz neuen Akteuren, Eigentümern & Investoren gefunden werden.

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